Frühling II


Gedicht von Ernst Hilmer

Sie spielen wieder. Ihre Trikots, Nike. Wie Sieg. Wie bunte Farbtupfer
der Lichtorgel huschen sie über sattes Grün. Immergrün ihr Rasen, ihre Kunst.
Ich rieche keine Erde. Weißer Schnee am Horizont, soweit das Auge reicht,
endlos, leuchtend. Schnee von gestern denke ich. Unter stahlblauem Himmel,

in den keine Leche trillernd steigt. In dem glitzernde Jets dröhnend  Furchen ziehen,
nach Süden. Wir aber warteten vergebens auf die fröhlichen Sänger.
Nicht zurückgekehrt sind sie, vom gleißenden Licht geblendet, sind sie gefallen,
ins Nichts. Keine Hummel besucht die trotzige Wegwarte am Rande des Asphalts.

Unter unendlicher Plane und wohliger Wärme beginnt der Spargel zu sprießen.
Getrieben von Dünger-Kunst. Doch er darf nicht sehen die Sonne, nicht reifen.
Wie das Schwein im Stall der Tausenden.  Wie das Huhn im Stall der Millionen.
Draußen scharren  sie mit Füßen, die Millionäre. Sie sind die Götter des Wachstums.

Und du. Überwuchert von tausend Bildern. Gefangen. Im Rhythmus der Daten.
Getaktet vom Metronom des Profits. Getrost! Über dem im Winde wallenden Meer
aus Plastik sehe ich dein weißes Boot, wartend vor dem Stunden-Hotel deines
Heims. Dich erlösend aus Hektik. Es führt dich an die Strände der Träume.

Du fliehst. Nicht dulden willst du die Boote derer, die fliehen von den Küsten
der leeren Meere, von  verwüsteten Äckern und ausgebrannten Weiden.
Ihre Schlauchboote sind zu schwach. Zu tragen die Last des gesammelten Leids.
Mit Leichtigkeit zerschneidet dein weißes Boot die See. Die Hoffnung der Menschen.

© Ernst Hilmer