Energie vor Ort erzeugen!


Ein Willkommen den neuen Ober-Ramstädter Windrädern!

von Franz Fujara

Mit den fortgeschrittenen Planungen der Ober-Ramstädter Windräder in unmittelbarer Nähe von Mühltal reicht es nicht mehr, dass wir uns in der Frage, welche Art Energiegewinnung wir präferieren, rein abstrakt positionieren. Sondern es ist an der Zeit, Farbe zu bekennen. Wer ist eigentlich „grüner“, der Befürworter einer Windenergiegewinnung vor unserer Haustür oder der Warner vor Waldverlust, Vogelschlag, Lärm, Infraschall und Schattenwurf? Und dann gibt es ja noch diejenigen, einen Verlust an Lebensqualität in Mühltal beklagen.

Als Bürger Mühltals und – nebenbei – Physiker möchte ich Stellung beziehen: Die Windenergieerzeugung ist aus ökologischen Gründen die beste Form. Sie verringert die in der Luftzirkulation enthaltene kinetische Energie nur vernachlässigbar und hat somit auch kaum globale Nebenwirkungen. Sie trägt kaum – ich sage nicht “nicht”, sondern “kaum”, weil geringe Effekte grundsätzlich immer vorhanden sind – zur Treibhausgaserzeugung bei, sie trägt nicht zur Vergiftung der Umwelt (Emissionen) bei, sie beinhaltet kaum ein Katastrophenpotenzial (Unfälle etc.), ihre Anlagen sind reversibel, sie kann dezentral gestaltet werden, sie stellt keine Hypothek auf zukünftige Generationen dar, sie beinhaltet keine zivil-militärischen Ambivalenzen, auch rein betriebswirtschaftlich betrachtet (obwohl das m. E. eine Scheuklappenbetrachtung ist) wird sie allmählich konkurrenzfähig, ihre Anlagen sind relativ schnell auf- und abgebaut u. v. a. m.

Natürlich dürfen wir unsere Augen nicht davor verschließen, dass auch sie Nebenwirkungen hat, also nicht nur monetär zu beziffernde Kosten: Flächenbedarf, Lärm, Beeinträchtigung von Fauna und Flora usw., und es ist klar, dass die Nebenwirkungen zu minimieren sind. Eine ernsthafte Debatte darüber muss sein, aber sie muss mit Augenmaß geführt werden. Argumente wie ich sie bei der Bürgerversammlung (9.3.2017) gehört habe (z. B. “ich bin vor drei Jahren von Traisa auf den Lohberg umgezogen, weil ich nahe an der Natur sein wollte; und nun fühle ich mich betrogen”) sind mir viel zu einseitig und egozentriert. Wer so redet, müsste schon sagen, wie er sich die Bereitstellung von Energie vorstellt. Und es ist schon bemerkenswert, dass man heute mit solchen Worten öffentlich auftreten kann. Das ist natürlich auch ein psychologisches Phänomen, denn etwa an den überall zu bemerkenden Autolärm hat sich der moderne Mensch so gewöhnt, dass er ihn als praktisch naturgegeben betrachtet. (Dazu kommen beim Auto andere Begleiterscheinungen: Ein immenser Rohölverbrauch, Schadstoff- und CO2-Emissionen, jährlich tausende von Verkehrstoten, Wildschäden, damit verbundene immense Flächenversiegelung usw.). Der objektiv vergleichsweise vernachlässigbare Lärm der sich drehenden Windräder wird selektiv wahrgenommen. Über Phänomene wie Infraschall usw. sagt mir mein Physikergefühl, dass hier von den Windenergiekritikern ein objektiv nicht existierendes Problem konstruiert wird. Denn man wird sicher die Infraschallquelle quantifizieren und unter Berücksichtigung der quadratischen Abstandsabhängigkeit die übertragene Leistungsdichte abschätzen können, die sich dabei ergebenden Amplituden dürften hinreichend gering sein. Ob Infraschall, den wir ja – definitionsgemäß – nicht hören, überhaupt ein besonderes physiologisches Problem darstellt, weiss ich nicht. Aber so oder so, Infraschall tritt prinzipiell auch beim Auto- und Bahnverkehr auf.

Das größte Problem der Stromerzeugung durch Windenergie ist die Schwierigkeit, die elektrische Energie im großen Maßstab zu akzeptablen Kosten zu speichern, trotz riesiger Anstrengungen an vielen, vielen Forschungseinrichtungen und in der Industrie. Aber auch hier gibt es permanent Fortschritte, und es wird weitere geben, da bin ich sicher. Denn es existieren dabei – etwa im Gegensatz zu nuklearen Energietechniken – keine grundsätzlichen Hindernisse, die man nicht ausräumen könnte. Aber auch für die Übergangszeit, in der wir jetzt leben, sieht die Situation nicht schlecht aus. Zwar muss man tatsächlich die installierte Nennleistung mit Vorsicht betrachten. Denn sie steht wirklich nicht immer zur Verfügung. So darf man die installierte Leistung von 1 MW nicht mit 24 x 365 multiplizieren (24 Stunden pro Tag, 365 Tage pro Jahr), um die in einem Jahr erzeugte Energiemenge zu berechnen. Man muss – im Mittel – den errechneten Wert durch etwa den Faktor 5 teilen. Also wird man mit 1 MW installierter Windleistung pro Jahr etwa 1,7 GWh elektrische Energie erzeugen. Der Grund sind Flauten und Zeiten, an denen die Anlagen “abgeregelt” werden müssen. Um diese Zeiten zu überbrücken, ist eine geografisch weiträumige Energieumverteilung notwendig, aber auch technisch möglich. Denn je größer der geografische Bereich ist, desto besser mitteln sich Regionen mit schwachem und stärkerem Wind aus. Außerdem helfen Fortschritte bei der Wettervorhersage. Schon Vorhersagen von ca. 10 Stunden erlauben entsprechende Vorkehrungen in der Netzverschaltung sowie das Hochfahren von Pufferkraftwerken. Je “intelligenter” das Netz ist und je besser die Wettervoraussagen sind, desto weniger dieser Pufferkraftwerke sind vonnöten. Auch bei einem Überangebot wird man zunehmend dezentral zwischenspeichern können. Selbstverständlich wird man in der Übergangsphase nicht auf alle Pufferkraftwerke verzichten können, aber doch auf die meisten – und auf die Kernkraftwerke allemal. Für den seltenen Fall einer schnell erforderlichen Reaktion auf den Ausfall von Windenergie muss man gewiss auch einige, aber eben doch sehr wenige Kraftwerke im Teillastbetrieb fahren. Wie gesagt, alles dies gilt lediglich für die Übergangszeit.

Noch ein Wort zum Vergleich off- und on-shore: In Deutschland wird die meiste elektrische Energie eher im Süden benötigt, gerade hier im Rhein-Main-Darmbach-Gebiet sehr viel. Es ist zwecks Vermeidung allzu großer Stromtrassen und Minimierung der Leitungsverluste selbstverständlich das Beste, die Energie möglichst auch dort zu erzeugen, wo sie benötigt wird. Natürlich geht das nicht immer, und gewiss ist im Norden auch der Ertrag etwas höher als im Süden. Aber zusätzlich will ich noch einmal daran erinnern, dass man Schwankungen geografisch großräumig ausmitteln sollte. Auch deshalb würde ich mir wünschen, dass nicht eine Region (z. B. der Norden) verspargelt wird, während man im Süden (am Darmbach) die Energie verbraucht. Wir brauchen Windräder bei uns!

Ein Problem ist sicherlich der Umstand, dass es zunehmend große Konzerne sind, die die Anlagen erzeugen und die ihre Betreiber sind. Hier sind wir aber wieder bei den fundamentalen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Aber um das Problem etwas “kleiner” zu diskutieren: Man hätte ja nicht unbedingt ENBW mit dem Projekt beauftragen müssen, man könnte ja auch, wie es in Neutsch geschieht, die Starkenburger Genossenschaft beauftragen und bei ihnen mitwirken.

Trotz allem freue ich mich auf die Ober-Ramstädter Windräder. Ich wünschte, wir hätten sie hier in Mühltal.